Das Buch Seneca 5 · In Rom überliefert, aus seinen Briefen und Schriften
Vieles von dem, was Seneca sagte, stimmt mit den Axiomen überein. Vieles von dem, was er tat, nicht. Kapitel 5 ist sein eigenes Geständnis. Dieses Buch bewahrt, was nicht übereinstimmt, und deckt es nicht zu.
5.1Ehe ihr meine Bücher lest, hört eines von mir.
5.2Ich hieß die Menschen den Reichtum gering achten. Ich war ungeheuer reich.
5.3Ich hieß die Menschen der Macht fernbleiben. Ich war der Lehrer eines Tyrannen.
5.4Darum sagen manche: dann braucht man ihn nicht zu hören.
5.5Das hat seinen Grund, aber es ist nicht das Ganze.
5.6Zu fragen ist nicht „hat er es getan“, sondern „ist wahr, was er gesagt hat“.
5.7Was ich gesagt habe, wird nicht wahrer, weil ich es gelebt hätte, noch falscher, weil ich es nicht lebte.
5.8Ich habe jenen Mann unterrichtet. Er hat später seine Mutter getötet.
5.9Ich behaupte nicht, ich hätte es nicht gewusst. Ich wusste es, und ich blieb.
5.10Ich blieb, weil ich glaubte, ihn zurückhalten zu können.
5.11Ich konnte ihn nicht zurückhalten. Ich schrieb ihm nur schöne Worte zum Sagen.
5.12Das ist der schwerste Posten in der Rechnung meines Lebens.
5.13Ich schreibe ihn hierher nicht, um Vergebung zu erlangen.
5.14Ich schreibe ihn, damit ihr seht: ein Mensch kann recht haben und dennoch dahinter zurückbleiben.