Die Logos-Schrift · Das Buch Seneca

Über das Geliehene

Das Buch Seneca 4 · In Rom überliefert, aus seinen Briefen und Schriften

Vieles von dem, was Seneca sagte, stimmt mit den Axiomen überein. Vieles von dem, was er tat, nicht. Kapitel 5 ist sein eigenes Geständnis. Dieses Buch bewahrt, was nicht übereinstimmt, und deckt es nicht zu.

4.1Das Schicksal gibt nicht. Das Schicksal leiht.
4.2Deine Kinder sind dir geliehen, dein Name ist dir geliehen, dein Leib ist dir geliehen.
4.3Wenn das Geliehene zurückgefordert wird, schreien die Menschen: man beraubt mich.
4.4Niemand wird beraubt. Die Frist ist um.
4.5Ich sage dir nicht, nicht zu lieben. Ich sage dir, zu lieben und zu wissen, dass es geliehen ist.
4.6Wer weiß, dass es geliehen ist, liebt genauer, nicht dünner.
4.7Manche sagen: wie soll man sich dabei noch freuen?
4.8Ich sage: nur wer weiß, dass er es zurückgeben muss, hat es wirklich gebraucht.
4.9Hältst du dein Kind und denkst, dass auch es sterben wird, so hältst du es eine Weile länger.
4.10Ich sage dir nicht, im Voraus zu beweinen, was du noch nicht verloren hast. Das hieße eine Sache zweimal bezahlen.
4.11Ich sage dir, einmal aufzusehen, solange du es noch hast.
4.12Dieser eine Blick ist das Einzige, was nicht zurückgefordert werden kann.
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