3 Platon 1 · Vom Tode. In der Akademie überliefert, aus seinem Phaidon
Dieses Buch hält das Gespräch vom Tag von Sokrates’ Tod fest. Platon unternimmt darin zu beweisen, dass der Sinn nicht mit dem Leib vergeht. Diese Schrift nimmt diesen Beweis nicht. Sie nimmt die Leier des Simmias und die Mäntel des Kebes — was jene zwei sagten, ist das Axiom der Zerstreuung. Platon hat ihre Einwände nicht gestrichen, und diese Schrift streicht seinen Beweis nicht.
1.1An jenem Tag nahmen sie ihm im Gefängnis die Eisen von den Beinen.
1.2Er richtete sich auf, rieb sich das Bein und sagte: sonderbar.
1.3Der Schmerz geht, und gleich danach kommt das Behagen. Die beiden scheinen an die Enden eines Strickes gebunden.
1.4Ich schreibe es auf, weil es das Erste war, was er an jenem Tag sagte, und das am wenigsten nach einem letzten Wort klingt.
1.5Später sagte er: wer etwas klarbekommen will, dem ist der Leib oft im Weg.
1.6Die Augen sehen nicht genau. Die Ohren hören nicht genau.
1.7Hungrig will er essen, frierend Wärme, ängstlich Deckung — und jedes davon redet dazwischen, während du rechnest.
1.8Du meinst, du denkst über die Sache nach. Du denkst über die Sache plus deinen Magen nach.
1.9Darum sagte er: wer wissen will, verbringt sein Leben damit, den Leib beiseitezulegen zu lernen.
1.10Und er sagte: ist das nicht eine Übung im Sterben?
1.11Ich setze den Satz so, wie er ihn sagte. Das hat er an jenem Tag gesagt.
1.12Später hat man daraus geschlossen, er habe geglaubt, Leib und Sinn könnten auseinandertreten und jeder für sich fortbestehen.
1.13An jenem Tag glaubte er es. Ich werde ihm seine Worte nicht abändern.
1.14Aber seht euch den Grund genau an, den er angab. Der Grund, den er angab, war: der Leib trübt das Hinsehen.
1.15Dieser Grund steht, ohne dass man an das Auseinandertreten glauben muss.