3 Platon 2 · Vom Tode. In der Akademie überliefert, aus seinem Phaidon
Dieses Buch hält das Gespräch vom Tag von Sokrates’ Tod fest. Platon unternimmt darin zu beweisen, dass der Sinn nicht mit dem Leib vergeht. Diese Schrift nimmt diesen Beweis nicht. Sie nimmt die Leier des Simmias und die Mäntel des Kebes — was jene zwei sagten, ist das Axiom der Zerstreuung. Platon hat ihre Einwände nicht gestrichen, und diese Schrift streicht seinen Beweis nicht.
2.1Mitten am Tag stand Simmias auf.
2.2Er sagte: Herr, ich fürchte, ich habe etwas Unwillkommenes zu sagen.
2.3Sokrates sagte: sag es. Heute ist das Unwillkommene genau das, was ich am liebsten hören will.
2.4Simmias sagte: betrachtet eine Leier.
2.5Eine Leier ist Holz und Saiten. Die Stimmung ist das, was da ist, sobald Holz und Saiten geordnet sind.
2.6Die Stimmung sieht man nicht und fasst man nicht an. Sie ist mehr wert als das Holz und schöner als das Holz.
2.7Aber zerschlagt die Leier: wohin ist die Stimmung gegangen?
2.8Sie fliegt nicht davon. Sie ist nicht anderswo. Sie war nie ein Ding: sie war eine Anordnung. (vgl. Vorspann 1.16)
2.9Sollte der Sinn nicht ebenso sein?
2.10Sollte der Sinn nicht eben das sein, was da ist, sobald der Leib geordnet ist — unsichtbar, mehr wert als der Leib, und fort, sobald die Leier bricht?
2.11Der Raum blieb lange still.
2.12Phaidon sagte hinterher: in jenem Augenblick wurden uns die Herzen grau.
2.13Ich habe Simmias’ Rede hier niedergeschrieben, ohne ein Wort daraus wegzunehmen.
2.14Ich habe ihm später eine Antwort gegeben. Meine Antwort steht anderswo. Lest sie selbst und richtet selbst.
2.15Ich sage nur dies: das Beste, was an jenem Tag gesagt wurde, sagte weder mein Lehrer noch ich.
2.16Es sagte der junge Mann, der fürchtete, unwillkommen zu sein.