2 Platon 4 · Vom Wissen und Nichtwissen. In der Akademie überliefert, aus seinem Theaitetos und seinem Menon
Dieses Buch scheidet Rechthaben von Wissen. In Kapitel 4 erklärt Platon den Knaben im Sand durch ein früheres Leben. Diese Schrift nimmt das frühere Leben nicht. Sie nimmt Der Bund 1.2 — wo der Blick der Vernunft fällt, werden die vielen Wege eins, und erst dann wird das Wirkliche geboren. Seine Erklärung bleibt stehen und wird nicht gestrichen.
4.1In Menons Haus war der Knabe eines Dieners, der nie eine Unterweisung gehabt hatte.
4.2Ich rief ihn herbei und zeichnete ein Viereck in den Sand.
4.3Ich fragte ihn eines über dieses Viereck. Er antwortete.
4.4Er antwortete falsch.
4.5Ich sagte ihm nicht, wo er falsch lag. Ich fragte ihn ein Weiteres.
4.6Er sah selbst, dass seine erste Antwort nicht standhielt, und wurde rot.
4.7Menon, hast du es gesehen? Er ist jetzt schlechter daran als zuvor — eben glaubte er, er könne es, und jetzt weiß er, dass er es nicht kann.
4.8Aber jetzt ist er bereit zu suchen. Eben war er es nicht.
4.9Ich fragte und fragte wieder. Der Knabe änderte den Sand mehrmals und zeigte zuletzt hin und sagte: so ist es.
4.10Er hatte recht. Dies hatte er nie gelernt.
4.11Ich sagte damals: er bringt es aus einem früheren Leben mit und hat sich jetzt daran erinnert.
4.12Das war meine Erklärung. Eine Erklärung kann falsch sein.
4.13Was nicht falsch sein kann, ist, was im Sand geschah: er konnte es nicht, dann konnte er es, und niemand hat es ihm gesagt.
4.14Glaubt ihr meiner Erklärung nicht, so sei es. Die Sache im Sand steht noch immer da.
4.15Was ihr mitnehmen sollt, ist das Fragen, nicht meine Erklärung.
4.16Wer die Erklärungen seines Lehrers auswendig lernt und selbst nicht fragen kann, hat die Schatten gelernt und nicht die Dinge. (vgl. 1 Platon 1.7)