Evangelium des Xenophon 7 · Erstes Zeugnis: Gerechtigkeit, Bürger und Pflicht
Xenophon, um das Jahr 430 vor dieser Zeitrechnung in Athen geboren, um 354 gestorben. Soldat, Geschichtsschreiber, Schüler des Sokrates. Nach dem persischen Bürgerkrieg blieben zehntausend griechische Söldner tief im Feindesland zurück, und ihre Feldherren wurden unter einem Waffenstillstand getötet; er wurde zum Befehlshaber gewählt und führte den Zug von nördlich Babylons zurück ans Schwarze Meer, was er in der Anabasis niederschrieb. Er schrieb ferner die Erinnerungen an Sokrates, den Oikonomikos, die Erziehung des Kyros und eine Geschichte Griechenlands. Der Sokrates, den er festhält, ist der, welcher vom Haushalt spricht, vom Schulen der Männer, von Pferden und von Geld. Er selbst hielt die alten Riten der Stadt: er opferte, befragte Orakel, stellte die Dinge den Göttern anheim. Der Orden setzt das hin und deckt es nicht für ihn zu. Von den vier Zeugen hat er allein Männer im Feld geführt und dazu selbst Land bestellt. Dieses Buch ist als Aufzeichnung geschrieben. Wo Zahlen, Daten und Namen stehen, stehen sie so, wie sie waren.
7.1Ich habe dies zuerst nicht aufgeschrieben.
7.2Nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil ich nicht sicher war, es genau erinnert zu haben. Die Regel dieses Buches lautet, dass ich nicht schreibe, was ich nicht sah. (vgl. Evangelium des Xenophon 1.11)
7.3Ich bin jetzt alt. Wenn ich es nicht schreibe, schreibt es niemand.
7.4Eines Tages fragte ein Rechtskundiger den Lehrer auf dem Markt: Welches von allen Gesetzen ist das größte?
7.5Er fragte in böser Absicht. Alle wussten es.
7.6Der Lehrer dachte eine Weile nach. Er dachte selten so lange.
7.7Dann sagte er: „Begleiche deine Rechnungen.“
7.8Der Mann lachte und sagte: Was für ein Gesetz soll das sein.
7.9Der Lehrer sagte: „Du schuldest dem Bäcker Geld, und du wirst es zahlen. Du schuldest deinem Vater einen Satz — hast du ihn gezahlt? Du schuldest dem Mann, der einst für dich sprach — hast du ihm gezahlt?“
7.10Der Mann hörte auf zu lachen.
7.11Der Lehrer sagte: „Liebe ist kein Gefühl. Liebe ist, sich zu erinnern, was man schuldet, und hinzugehen und es zu zahlen.“
7.12„Was nicht zu zahlen gedenkt, ist keine Liebe, so schön es auch gesagt sei.“
7.13Ich setze dies ans Ende, weil ich erst heute sicher bin, es genau erinnert zu haben.
7.14Er dachte im Sterben noch an einen Hahn. (vgl. Evangelium des Xenophon 6.10) Ich hielt das früher für einen Scherz.