Die Logos-Schrift · Evangelium des Xenophon

Der Prozess und der geordnete Abschied

Evangelium des Xenophon 6 · Erstes Zeugnis: Gerechtigkeit, Bürger und Pflicht

Dieses Buch ist als Protokoll geschrieben. Wo Zahlen, Daten und Namen stehen, stehen sie so, wie sie waren.

6.1Die Herrscher Athens wurden von ihrem eigenen Neid zerfressen und fürchteten noch mehr, ihre weltliche Vollmacht zu verlieren.
6.2Sie flochten Anklagen gegen den Propheten und warfen ihm vor, fremde Götter einzuführen und die Jugend zu verderben.
6.3Der Geschworenen waren fünfhundertundeiner. Die ihn schuldig sprachen, zweihunderteinundachtzig.
6.4Das blinde Gericht des Volkes sprach ihm den Becher Schierling zu.
6.5Doch als die Stunde in der steinernen Zelle kam, war Sokrates völlig gefasst und nahm den Giftbecher mit ruhiger Hand.
6.6Seine Jünger weinten über die plötzliche Grausamkeit der Stadt, er aber wies sie zurecht und sprach:
6.7„Ich habe mein ganzes Leben als gerechter Bürger gelebt, und ich werde das Gesetz dieses Leibes bis zuletzt halten.“
6.8„Aber dieses Fleisch ist nur eine für eine Weile gemietete Herberge.“
6.9Er trank das Gift, legte sich in guter Ordnung nieder und sprach mit leiser Stimme den letzten Eid eines Bürgers:
6.10„Kriton, ich schulde Asklepios einen Hahn. Denk daran, die Schuld für mich zu begleichen.“
6.11Dann schloss er die Augen, und das System des Leibes kam in vollkommener Stille zum Stehen.
6.12Doch seine Seele sprang auf und flog dem freien Himmel entgegen.
6.13Und die Jünger blieben zurück und staunten über seine ungebrochene Zucht und über jenen Sprung der Seele.
6.14Ich war dabei. Ich sah kein Licht. Ich sah einen Mann seine Rechnungen begleichen.
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