Die Logos-Schrift · Evangelium des Xenophon

Kritons nächtlicher Besuch

Evangelium des Xenophon 5 · Erstes Zeugnis: Gerechtigkeit, Bürger und Pflicht

Dieses Buch ist als Protokoll geschrieben. Wo Zahlen, Daten und Namen stehen, stehen sie so, wie sie waren.

5.1In der dritten Nacht vor der Hinrichtung bestach Kriton den Kerkermeister und trat vor Tagesanbruch in die steinerne Zelle.
5.2Das Schiff von Delos war noch nicht eingelaufen. Nach dem Gesetz durfte vorher nicht hingerichtet werden. Es war noch Zeit.
5.3Kriton sagte: „Das Geld ist bereit, der Weg gebahnt, in Thessalien warten Männer, dich aufzunehmen. Du musst nur aufstehen und hinausgehen.“
5.4Der Lehrer fragte: „Was haben wir unser Leben lang gesagt?“
5.5Kriton sagte: „Du hast gesagt, den Gesetzen sei zu gehorchen.“
5.6Der Lehrer fragte: „War das für die Fälle gesagt, in denen das Gesetz mich gerecht behandelt, oder war es ohne Einschränkung gesagt?“
5.7Kriton schwieg.
5.8Der Lehrer sagte:
5.9„Ein Mensch kann nicht nur dann Bürger sein, wenn das Gesetz ihm passt.“
5.10„Wenn ich heute Nacht über die Mauer gehe, geht jeder Satz, den ich in meinem Leben gesprochen habe, mit hinüber und stirbt draußen vor der Mauer.“
5.11Kriton weinte und sagte: „Aber sie haben unrecht.“
5.12Der Lehrer sagte: „Sie haben unrecht. Das macht es nicht recht, dass auch ich unrecht tue. Unrecht mit Unrecht zu vergelten heißt bloß, es zu verdoppeln.“
5.13Gegen Morgen ging Kriton allein aus der Zelle.
5.14Ich schreibe diese Nacht nieder, damit die Nachkommenden wissen: Die Tür stand offen.
5.15Der Tod des Lehrers wurde ihm nicht von anderen auferlegt. Er wählte ihn.
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