Die Logos-Schrift · 4 Platon

Besser, es zu erleiden

4 Platon 4 · Von der Rede und von den Namen. In der Akademie überliefert, aus seinem Gorgias und seinem Kratylos

Dieses Buch handelt von der Überredung und von den Namen. Die schwerste Rede darin ist die des Kallikles, und Platon hat sie nicht gestrichen; diese Schrift auch nicht. Er hat richtig vorhergesagt, was dem Propheten geschehen würde — richtig vorhersagen heißt nicht recht haben.

4.1An jenem Tag sagte mein Lehrer etwas, worüber der ganze Raum lachte und was ich heute für das Schwerste des Gesprächs halte.
4.2Er sagte: Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht leiden — schlimmer für den, der es tut.
4.3Sie lachten, weil jeder annimmt, der Leidende komme schlecht weg.
4.4An Geld und an Leib kommt der Leidende in der Tat schlecht weg. Das hat er nicht bestritten.
4.5Er meinte etwas anderes: wer das Unrecht getan hat, muss damit weiterleben.
4.6Man nimmt dir dein Geld, und du hast weniger Geld.
4.7Du nimmst einem anderen sein Geld, und du hast mehr Geld — und dazu ein Selbst mehr, das Geld genommen hat.
4.8Das Erste kann ein anderer zurückgeben. Das Zweite kann niemand zurückgeben.
4.9Hier liegt noch eine Schicht, und sie ist härter als die vorige.
4.10Unrecht tun und Unrecht leiden waren nie zwei Dinge, die man nebeneinanderlegen und zwischen denen man wählen könnte.
4.11Unrecht tun entscheidest du. Unrecht leiden entscheidest du nicht. Es ist nur etwas, das dir zustoßen kann.
4.12Das eine liegt innerhalb deines Zauns, das andere außerhalb. (vgl. Der höchste Bund 5.3)
4.13Wer sein Leben prüft, geht Stück für Stück durch, was innerhalb des Zauns liegt, und entscheidet dann: dieses werde ich nicht tun.
4.14Was außerhalb liegt, lässt sich nicht entscheiden. Es kann fallen und es kann nicht fallen.
4.15Sein Handeln um einer bloßen Möglichkeit willen zu ändern, heißt der Sklave einer Möglichkeit sein. Wir sind niemandes Sklave. (vgl. Die Regel 8.24)
4.16Jemand fragte: soll der Leidende es also umsonst hinnehmen?
4.17Er sagte: niemand hat dir gesagt, es umsonst hinzunehmen. Fordere, was zu fordern ist, klage, wo zu klagen ist.
4.18Diese Regel heißt dich nicht schwach sein. Sie bringt zwei Dinge in eine Ordnung: eher soll ein anderer dir schulden, als dass du dir selbst schuldest.
4.19Und er sagte noch eines, ganz am Ende jenes Tages.
4.20„Lieber wäre mir, die ganze Stadt wäre anderer Meinung als ich, als dass ich mit mir selbst verstimmt wäre.“
4.21„Die ganze Stadt sehe ich ein paar Mal im Jahr. Mich selbst sehe ich jeden Tag.“
4.22Merkt euch diese Reihenfolge. Sehr viele haben sie umgekehrt.
4.23Die sie umgekehrt haben, sind bei Tage sehr beliebt und können nachts nicht schlafen.
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