Das Buch Montaigne 5 · In seinem Turm geschrieben, aus seinen Essais
Michel de Montaigne, 1533 im Périgord in Frankreich geboren, 1592 gestorben. Mit achtunddreissig gab er die öffentlichen Ämter auf und zog sich in die Bibliothek seines eigenen Turms zurück, und in den zwanzig Jahren danach schrieb er die Essais: drei Bücher, hundertsieben Stück. Die Form ist seine Erfindung. Später war er zweimal Bürgermeister von Bordeaux. Er blieb sein Leben lang in der Kirche und trat nie aus. Er hat sein eigenes Buch geschrieben; nichts hier ist die Aufzeichnung eines anderen. Er unterscheidet sich vom übrigen dieser Schrift: die anderen halten fest, was sie glaubten, er hält fest, was er ist. Wo er sich widerspricht, hat er es nicht gestrichen, und diese Schrift auch nicht.
5.1Ich halte die Grausamkeit für das hässlichste aller Laster.
5.2Für die anderen fände ich vielleicht etwas zu sagen. Für dieses finde ich nichts.
5.3In unserer Zeit führen die Menschen Krieg, und Töten genügt nicht — sie müssen langsam sterben sehen und andere zum Zusehen laden.
5.4Ich ertrage es nicht, auch nur ein Huhn schlachten zu sehen.
5.5Manche lachen über meine Weichheit. Ich streite nicht.
5.6Ich sage nur dies: wer Leiden mit einem Jucken von Lust ansehen kann, trägt etwas Schlimmeres in sich als jede einzelne Tat, die er begangen hat.
5.7Mit den Tieren geht es mir ebenso.
5.8Ein zu Tode gehetzter Hirsch wendet sich um und fleht die Jäger an, mit dem einzigen Mittel, das er hat — mit seinen Tränen.
5.9Diese Beute will ich nicht.
5.10Jemand sagt: Tiere sind keine Menschen.
5.11Ich sage: zwischen ihnen und uns ist eines gemeinsam — wir alle empfinden Schmerz.
5.12Dies gilt nicht nur zwischen uns und den Tieren.
5.13Zwischen einem Menschen und dem anderen gilt es ebenso.
5.14Der Schmerz fragt nicht, wer du bist. Er sieht weder auf dein Haus noch auf dein Amt noch darauf, was du anhast.
5.15Ich habe den Stein. Ein König hat den Stein. Er tut auf dieselbe Weise weh.
5.16Auf dem höchsten Thron der Welt sitzt man immer noch auf dem eigenen Hintern.
5.17Ich habe Männer gesehen, die man aus der neuen Welt herübergebracht hatte. Man führte sie zum König von Frankreich, der damals ein Kind war.
5.18Man fragte sie, was ihnen hier am seltsamsten vorkomme.
5.19Sie nannten zwei Dinge. Das eine: dass erwachsene, kräftige Männer einem Kind gehorchten.
5.20Das andere: dass die einen mit allem vollgestopft waren, während andere, bis auf die Knochen abgemagert, an ihren Türen bettelten —
5.21und dass die Hungernden die Satten nicht bei der Kehle genommen und ihre Häuser nicht angezündet hatten.
5.22Ich schreibe ihre beiden Sätze so nieder, wie sie sie gesagt haben, ohne ihnen ein Wort zu ändern.
5.23Welche Regel sich daraus ziehen lässt, weiß ich nicht. Ich lege es nur hierher, damit später jemand darüber stolpert.
5.24Ich schreibe das nicht, um einen großen Grundsatz aufzustellen. Ich kann keinen aufstellen.
5.25Ich will einfach nicht zusehen. Ich schreibe es, damit du weißt, dass es einen Menschen gibt, der nicht zusehen will.
5.26Verlangt ein Grundsatz von mir, einen anderen langsam sterben zu sehen, damit er aufgeht, so will ich diesen Grundsatz nicht.