Das Buch Epiktet 1 · Die tägliche Übung. Aufgezeichnet von Arrian, aus seinem Hörsaal
Epiktet, um das Jahr 55 in Hierapolis in Phrygien geboren, um 135 in Nikopolis in Griechenland gestorben. Er wurde als Sklave geboren und gehörte einem Freigelassenen aus Neros Haus. Noch als Sklave durfte er Vorlesungen besuchen und wurde später freigelassen. Er hinkte auf einem Bein. Um 93 wurden die Philosophen aus Rom vertrieben; er ging nach Griechenland, eröffnete in Nikopolis eine Schule und blieb dort bis an sein Ende. Der Zaun steht bereits im Bund 5, und dieses Buch setzt ihn nicht noch einmal. Was dieses Buch sagt, ist, wo der Zaun verläuft: nicht um die Ereignisse, sondern um dein Urteil über sie. Er selbst hat nichts geschrieben; was hier steht, hat sein Schüler Arrian im Hörsaal mitgeschrieben. (vgl. Apostelgeschichte 5.48)
1.1Meine ganze Schule hat eine einzige Wurzel. Steht sie, so steht das Übrige mit ihr; steht sie nicht, so ist das Übrige leeres Wort.
1.2Die Dinge fallen in zwei Haufen. Der eine steht in deiner Macht, der andere nicht.
1.3In deiner Macht: wie du eine Sache nimmst, was du willst, was du meidest, ob du handelst. Mit einem Wort — alles, was dein eigenes Tun ist.
1.4Nicht in deiner Macht: dein Leib, dein Besitz, dein Ruf, dein Amt. Mit einem Wort — alles, was nicht dein eigenes Tun ist.
1.5Der Haufen, der in deiner Macht steht, ist von Natur frei: er kann nicht versperrt, nicht gehindert, dir nicht genommen werden.
1.6Der Haufen, der nicht in deiner Macht steht, ist von Natur schwach: er wird versperrt, er wird genommen, und er gehörte von jeher anderen.
1.7Nun höre, worauf es ankommt. Fast alles menschliche Leiden kommt daher, dass die zwei Haufen an die falsche Stelle gelegt werden.
1.8Hältst du für dein, was eines anderen ist, so wirst du gewiss versperrt, wirst klagen, wirst innerlich aufgewühlt sein und obendrein Götter und Menschen beschuldigen.
1.9Hältst du nur für dein, was dein ist, so wird dich niemand zwingen und niemand versperren.
1.10Du wirst niemanden beschuldigen, niemanden anklagen und nichts tun, was du nicht willst.
1.11Du wirst keinen Feind haben, denn niemand kann dir schaden.
1.12Jemand sagt daraufhin: dann kann ich ja gar nichts mehr tun?
1.13Im Gegenteil. Zieh deine Kraft ab, wo sie nicht hinreicht, und setze sie ganz dorthin, wo sie hinreicht: du wirst mehr zustande bringen, nicht weniger. (vgl. Der höchste Bund 5.3)
1.14Nimm mich als Beispiel. Mein Bein ist lahm. Die Leute sehen mich gehen und bedauern mich.
1.15Lahm ist mein Bein. Nicht der Teil von mir, der will, der meidet und der die Dinge so oder so nimmt.
1.16An diesen Teil kann niemand rühren — auch der Mann nicht, dem ich einst als Eigentum gehörte.
1.17Sprich diesen Satz bei jeder Sache, die dir zuwiderläuft. Sprich ihn, bis er der Satz ist, nach dem du greifst.