Die Logos-Schrift · Evangelium des Antisthenes

Die Befreiung der Melitta

Evangelium des Antisthenes 3 · Zweites Zeugnis: Strenge und der Krieg gegen den Stoff

Die Sätze dieses Buches sind kurz. Die Kürze ist gewollt. Lange Sätze schreibt man für Männer mit Muße.

3.1Es war eine fremde Frau namens Melitta.
3.2Sie war Weberin, von den Ältesten der Stadt vertrieben.
3.3Denn sie hatte weder Stand noch Schutzherrn.
3.4Sie saß neben dem Stadttor. Hungernd und erfroren. Der Sinn zerbrochen.
3.5Ich brachte sie vor Sokrates und sagte: „Lehrer, das Gesetz der Sterblichen sagt, diese Frau sei nichts wert.“
3.6Sokrates setzte sich im Staub neben sie, nahm ihre raue, schwielige Hand und sprach:
3.7„Die Ältesten sind blind. Sie wiegen nur jenes schwere Kleid, das Bürgerrecht heißt.“
3.8„Ich sage dir, Melitta: Deine Seele und die Seele des Königs von Persien sind aus derselben einen natürlichen Ordnung des Weltalls gegossen.“
3.9Er goss das Feuer des Logos in ihren Sinn. Frage um Frage.
3.10Bis sie die Kraft sah, die in ihr war.
3.11Sie schlug den Staub aus ihren zerrissenen Kleidern und stand ungebeugt vor der spottenden Menge.
3.12Und mit der Haltung einer unumschränkten Herrin über ihr eigenes Leben ging sie in die Stadt hinein.
3.13Sie lebte lange. Was daraus wurde, steht in der Apostelgeschichte.
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