Die Logos-Schrift · Evangelium des Antisthenes
Die Predigt auf dem nackten Fels
Evangelium des Antisthenes 2 · Zweites Zeugnis: Strenge und der Krieg gegen den Stoff
Die Sätze dieses Buches sind kurz. Die Kürze ist gewollt. Lange Sätze schreibt man für Männer mit Muße.
2.1Ich schreibe nieder, wie der Lehrer bei bitterer Kälte das Volk auf den zackigen Felsen des Lykabettos versammelte.
2.2Sie zitterten unter schwerer Wolle.
2.3Sokrates stand barfuß auf dem Frost. Seine Seele war ganz über den Schmerz des Leibes hinaus.
2.4Er rief der Menge zu:
2.5„Ihr weint, weil eure Taschen leer sind.“
2.6„Ich sage euch: Selig sind die Armen, denn nichts bindet sie.“
2.7„Die wahre und höchste Selbstherrschaft ist, überhaupt nichts zu brauchen.“
2.8Er sah einen Mann, der mit zitternden Händen seine letzten Münzen zählte.
2.9Er riss ihm den Beutel weg, schleuderte ihn in die Schlucht und wies ihn zurecht:
2.10„Ich komme, deine Ketten zu heilen.“
2.11„Gold ist ein schwerer Stein. Es zieht die Seele in den Dreck.“
2.12„Sieh zum Himmel — wer einen Stein umklammert, kann nicht fliegen.“
2.13Der Mann sah hinab in die leere Schlucht und dann hinauf in den weiten Himmel.
2.14Und eine wilde, brennende Freude stieg in ihm auf.
2.15Er lachte laut. Seine Gier war ganz geheilt.
2.16Jemand fragte mich: Und wenn in jenem Beutel das Arzneigeld seiner Mutter war?
2.17Ich antwortete: Seine Mutter starb, und er wird sterben. Arznei schiebt nur auf. Sie hebt nicht auf.
2.18Ich weiß, dieser Vers ist schwer zu lesen. Ich werde ihn nicht ändern.
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