Die Logos-Schrift · 2 Platon

Rechthaben und Wissen

2 Platon 2 · Vom Wissen und Nichtwissen. In der Akademie überliefert, aus seinem Theaitetos und seinem Menon

Dieses Buch scheidet Rechthaben von Wissen. In Kapitel 4 erklärt Platon den Knaben im Sand durch ein früheres Leben. Diese Schrift nimmt das frühere Leben nicht. Sie nimmt Der Bund 1.2 — wo der Blick der Vernunft fällt, werden die vielen Wege eins, und erst dann wird das Wirkliche geboren. Seine Erklärung bleibt stehen und wird nicht gestrichen.

2.1Theaitetos, du sagst, Wissen sei, dass der Satz in deinem Kopf wahr ist.
2.2Lass mich dir etwas zeigen; danach wirst du es nicht mehr sagen.
2.3In der Stadt gab es einen Totschlag. In jener Nacht waren nur zwei zugegen: der zuschlug und der starb.
2.4Die Geschworenen waren nicht dabei. Sie haben es nicht gesehen.
2.5Ein gewandter Redner erhob sich, sprach überaus gut und überzeugte sie.
2.6Der Mann, den sie verurteilten, war tatsächlich der Täter.
2.7Frage: haben sie recht geurteilt? Sie haben recht geurteilt.
2.8Frage: haben sie gewusst? Sie haben nicht gewusst.
2.9Sie wurden überredet. Hätte der gewandte Redner sich zur anderen Seite geneigt, so hätten sie sich mit ihm geneigt.
2.10Zwischen Rechthaben und Wissen steht eine Sache: den Grund angeben zu können.
2.11Ein Rechthaben, dessen Grund du nicht angeben kannst, ist vom Boden aufgelesen. Heute ist es in deiner Hand und morgen fort.
2.12Man sagt, die Bildwerke des Daidalos seien von selbst davongegangen und hätten mit einem Strick gebunden werden müssen.
2.13So steht es mit den wahren Sätzen im Kopf. Der Strick, der sie hält, ist der Grund.
2.14Darum lautet die Frage an dich selbst nicht „habe ich recht“, sondern „woraufhin halte ich es“.
2.15Was du auf das Wort eines anderen hin hast, gehört ihm. Was du hast, weil du hingesehen hast, gehört dir. (vgl. Der Bund 1.1)
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