2 Aristoteles 2 · Vom Streitgespräch. Im Lykeion überliefert, aus den Sophistischen Widerlegungen und seiner Ethik
Dieses Buch stellt weder die Formen des Schließens dar noch, woher die Anfänge kommen. Das gehört in eine Schule, nicht in ein Leben. Behalten sind die drei Dinge, die man unter Menschen braucht: wie man sieht, ob man der Wahrheit nachgeht oder dem Sieg, wie man einen schlechten Schluss hört, und wie weit eine Sache bewiesen sein muss, ehe man aufhört.
2.1Schlechtes Schließen kommt in wenigen Gestalten, und jedes Jahr gehen Leute darauf ein. Die häufigen schreibe ich hier auf.
2.2Erstens, das verschobene Wort: ein Wort bedeutet im ersten Satz das eine und im zweiten das andere.
2.3„Alles Natürliche ist gut; Krankheit ist natürlich; also ist Krankheit gut.“ — das Wort natürlich wurde unterwegs vertauscht.
2.4Zweitens, das Ganze und die Teile: was zusammen wahr ist, muss es einzeln nicht sein, und umgekehrt.
2.5„Jeder Mann dieser Truppe ist tüchtig, also wird diese Truppe es schaffen.“ — nicht notwendig. Tüchtige können nicht zusammenpassen.
2.6Drittens, das Strittige nehmen: der zu beweisende Satz steckt schon in den Voraussetzungen.
2.7„Diesem Mann ist nicht zu glauben, denn alles, was er sagt, ist falsch.“ — genau das war zu beweisen.
2.8Viertens, die falsche Ursache: zwei Dinge kommen nacheinander, und das frühere wird für die Ursache genommen.
2.9Der Hahn kräht vor Sonnenaufgang. Der Hahn hat die Sonne nie heraufgekräht.
2.10Fünftens, zwei Fragen als eine: zwei Fragen werden zusammengenäht, sodass jede Antwort das andere Ende zugesteht.
2.11„Hast du aufgehört, deinen Vater zu schlagen?“ — Ja gesteht es zu und Nein gesteht es zu. Triffst du darauf, nimm sie zuerst auseinander.
2.12Sechstens, der Mann statt der Sache: statt dem Satz zu antworten, redet man über den Mann.
2.13Ein schlechter Mensch kann in einer Sache recht haben. Ein guter kann in einer Sache irren.
2.14Ein Satz ist ein Satz und ein Mensch ist ein Mensch. Willst du den Satz widerlegen, musst du zum Satz zurück.
2.15Siebtens, der Teil fürs Ganze: was in gewisser Hinsicht wahr ist, wird als schlechthin wahr genommen.
2.16„Diese Arznei ist gut für einen Kranken, also ist Arznei eine gute Sache.“ — gut für jenen Mann, zu jener Zeit.
2.17Triffst du auf eine Behauptung ohne Einschränkung, so frage zuerst: unter welchen Bedingungen?
2.18Lernt diese sieben auswendig. Habt ihr sie, so hört ihr die Hälfte alles Unsinns, während er gesagt wird.
2.19Die andere Hälfte sind neue Kniffe. Neue Kniffe kommen jedes Jahr, aber auseinandergenommen sind es meist diese sieben in frischen Kleidern.