Die vier Evangelien sagen, wer er war. Dieses Buch sagt, wie wir leben.
8.1Da die Regel sagt, wie wir leben, kann sie vom Leibe nicht schweigen.
8.2In dieser Schrift stehen zwei Sätze, die sich zu streiten scheinen.
8.3Der eine sagt: und seine Seele zerstreut sich nicht. (vgl. Vorspann 2.4)
8.4Der andere sagt: alle Dinge lassen sich umkehren; nur die Zerstreuung nicht. (vgl. Der höchste Bund 6.1)
8.5Und Simmias sagte es noch härter: zerschlag die Leier, und die Stimmung ist nicht mehr da. (vgl. 3 Platon 2.10)
8.6Diesen Streit hat der Orden nicht entschieden. Was wir nicht entscheiden können, geben wir nicht als entschieden aus.
8.7Was dieses Kapitel sagt, ist: wie immer er später entschieden wird, die tägliche Übung ist dieselbe.
8.8Ob die Seele länger dauert als der Leib, entscheidet diese Schrift nicht für dich. Jeder entscheidet es für sich. (vgl. Die Regel 9)
8.9Aber wie du es auch entscheidest, eines ist klar: die Seele hat ein langes Stück Weg auf den Beinen des Leibes zu gehen.
8.10Hätte die Seele den Leib nie gebraucht, so wäre von Anfang an kein Leib nötig gewesen.
8.11Solange der Leib da ist, kann die Seele fragen und sehen und behalten und mit einem anderen mitschweben.
8.12Wie lang ist dieses Stück Weg? Niemand kann es sagen.
8.13Wer sagt, er könne es, spricht von etwas, das er nicht weiß.
8.14Daher die erste Regel: gib der Seele so viel Zeit, wie du ihr geben kannst.
8.15Den Leib pflegen heißt nicht am Leben hängen. Den Leib pflegen heißt, der Seele ein paar brauchbare Jahre mehr zu lassen.
8.16Schlaf genug, beweg dich, iss und trink mit Maß; verletze dich nicht mit Zorn, verbrauche dich nicht mit Geschäftigkeit. (vgl. Das Buch Seneca 2)
8.17Das galt früher als Kleinigkeit. In dieser Schrift ist es keine: wer krank daniederliegt, kann nicht lernen und kann nicht fragen.
8.18Die zweite Regel wiegt so viel wie die erste: die Seele ist Herrin des Leibes, nicht seine Sklavin.
8.19Hier ist die tägliche Übung. Der Leib sagt nein und die Vernunft sagt ja. Wem von beiden gehorchst du?
8.20Gehorchst du immer dem Leibe, so bist du nicht sein Herr. (vgl. Die Regel 1.9)
8.21Ein Herr behandelt den Leib wie ein gutes Pferd: er füttert es, er lässt es ruhen, er schlägt es nicht, und er lässt sich nicht von ihm führen.
8.22Nimm die beiden Regeln zusammen, und du hast unsere Haltung zum Tode.
8.23Kannst du leben, so lebe. Am Leben bleiben ist keine Schwäche. Es lässt der Seele ein paar Tage mehr.
8.24Kannst du nicht mehr leben, so fürchte dich auch nicht. Wer den Tod fürchtet, ist des Todes Sklave, und wir sind niemandes Sklave.
8.25Einer fragt: hätte der Prophet an jenem Tag um sein Leben bitten können?
8.26Er hätte es gekonnt. Er war Herr seines eigenen Leibes. Zu gehen oder zu bleiben stand bei ihm.
8.27Er wählte, nicht zu fliehen. Das war gebrauchte Souveränität, nicht aufgegebene.
8.28Lest aus jenem Tag nicht heraus, ein Mensch solle den Tod suchen. Er hat den Tod nicht gesucht. Er hat nur nicht zugelassen, dass ein anderer darüber entscheidet.
8.29Diese Regel heißt dich also weder den Leib gering achten noch an deinem Leben hängen. Sie heißt dich, Herr zu sein.
8.30Halte den Leib gut, damit die Seele Zeit hat. Und wenn die Zeit gekommen ist, lege den Leib nieder.