Das Buch Montaigne 3 · In seinem Turm geschrieben, aus seinen Essais
Dieser Mann hat sein eigenes Buch geschrieben; nichts hier ist die Aufzeichnung eines anderen. Er unterscheidet sich vom übrigen dieser Schrift: die anderen halten fest, was sie glaubten, er hält fest, was er ist. Wo er sich widerspricht, hat er es nicht gestrichen, und diese Schrift auch nicht.
3.1Ich will etwas erzählen, das mir zustieß, und ich erzähle es, weil es dem, was andere erzählen, nicht gleicht.
3.2Einer unserer Leute kam auf einem großen Pferd in vollem Lauf von hinten in mich hinein.
3.3Ich flog davon wie ein Klotz, und Mann und Pferd stürzten.
3.4Man trug mich für tot nach Hause.
3.5Ich gab viel Blut von mir und riss mir selbst die Kleider auf.
3.6Später erfuhr ich, dass ich damals ausgesehen hatte, als ränge ich.
3.7Aber innen war kein Leiden.
3.8Ich war wie einer, der eben einschläft, dem die Lider sinken.
3.9Ich fühlte mich fortgleiten, ganz leicht, ganz weich.
3.10Ich hielt das für das Sterben. Ist Sterben das, so ist nichts daran zu fürchten.
3.11Der Tod, den wir fürchten, ist der, den wir hier sitzend zusammensetzen. Er ist nicht die Sache selbst.
3.12Ich halte das nicht fest, damit ihr meiner Überlegung glaubt, sondern damit ihr wisst: ein Mensch ist hineingegangen, zurückgekommen und hat es gesagt. (vgl. Apostelgeschichte 5.48)
3.13Alles Übrige ist Mutmaßung. Dies geschah in meinem eigenen Leib.
3.14Glaubt ihr mir nicht, so sei es. Jeder wird sein eigenes Leben leben, und an jenem Tag wird jeder es selbst sehen.