Die Briefe des Platon 5 · An bestimmte Menschen in bestimmter Not geschrieben
Die Evangelien sagen, wer er war; die Regel sagt, wie wir leben. Die Briefe wurden zwischen beidem geschrieben — wie ein Mensch mit dem Gesetz zurechtkam, als das Gesetz nicht ausreichte.
5.1An Aristoteles.
5.2Deine Widerlegung hat mich erreicht. Ich habe sie dreimal gelesen.
5.3Beim ersten Mal war ich zornig. Beim zweiten suchte ich ein Loch darin. Beim dritten gab ich zu, dass ich keines finde.
5.4Ich schreibe alle drei Lesungen nieder, denn auch du wirst eines Tages Schüler haben.
5.5Du sagst, die Urbilder seien nicht im Himmel, sondern in diesem Pferd.
5.6Ich denke es noch immer nicht. Aber ich kann nicht sagen, worin du irrst — und dies nicht sagen zu können, ist genau der Ort, an dem ich jetzt stehe.
5.7In der Akademie drängen mich Männer, dich auszustoßen. Sie sagen, du reißt mein Haus ein.
5.8Sie haben es verkehrt herum. Was mein Haus einreißt, bist nicht du. Es ist die Regel, die ich selbst gemacht habe. (vgl. Die Regel 2.11)
5.9Setzte ich jene Regel beiseite, um eine Lehre zu retten, so hätte ich nicht die Lehre gerettet. Ich hätte meine eigene Stellung gerettet.
5.10Und dann wäre ich ein Priester. (vgl. Die Briefe des Platon 4.10)
5.11Ein Satz von dir hat mich erreicht: Platon ist mir lieb, doch lieber noch ist mir die Wahrheit.
5.12Man zitiert ihn mir, um mich zu reizen. Ich danke ihnen dafür, doch dir sage ich dies: Er ist gut gesagt — und zu höflich gesagt.
5.13Er müsste lauten: Wer seinen Lehrer mehr liebt als die Wahrheit, hat auch den Lehrer nicht geliebt.
5.14Denn was er liebt, ist nicht der Mensch. Es ist der Gedanke, dass der Mensch nicht irren kann. Und der Mensch kann irren.
5.15Geh und zähle deine Fische. Ich habe mein Leben damit zugebracht, den Himmel anzusehen, und du wirst deines damit zubringen, anzusehen, was du in der Hand hältst.
5.16Vielleicht steht das Gesetz an beiden Orten geschrieben, und ich bin nur zu alt geworden, um den zweiten noch zu lesen.
5.17Die Tür der Akademie steht dir offen. Ob du zurückkommst, liegt in deinem eigenen Zaun.