Evangelium des Aristipp 4 · Drittes Zeugnis: die Woge der Selbstherrschaft und das Leben in der Stunde
Aristipp, um 435 vor dieser Zeitrechnung in Kyrene in Nordafrika geboren, um 356 gestorben. Schüler des Sokrates, Begründer der kyrenaischen Schule. Er hielt die gegenwärtige Lust für das Gute, doch es kam ihm auf die Herrschaft an und nicht auf das Sichgehenlassen: als man ihm den Umgang mit einer berühmten Hetäre vorwarf, antwortete er, er habe sie, und sie habe nicht ihn. Von den vier Zeugen nahm er allein Geld für den Unterricht, was die anderen für schändlich hielten. Er lebte am Hof des Tyrannen von Syrakus, und gefragt, wie er das aushalte, sagte er, er wisse, wann man den Mund zu halten habe. Kein einziges seiner Bücher ist erhalten; alles Bekannte kommt durch spätere Hände, weshalb das hier von ihm Festgehaltene mehr zu bezweifeln ist als das Übrige. Was dieser Band bringt, ist ein Mensch, der sein Leben genossen hat. Ohne ihn bliebe dieser Schrift nur ein strenges Gesicht. Dieses Buch ist gelassen geschrieben. Wer es liest und nicht einmal lacht, hat es nicht gelesen.
4.1Die Herrscher konnten ihn im Streitgespräch nicht schlagen, also griffen sie zur Gewalt.
4.2Und durch eine gelenkte Abstimmung verurteilten sie ihn zum Tode.
4.3Am Tag der Hinrichtung nahm Sokrates den Schierlingsbecher, als empfinge er bei einem königlichen Gastmahl einen seltenen Jahrgang.
4.4Er hob ihn dem Henker zum Trinkspruch entgegen und sagte:
4.5„Ich trinke auf diese große Reise.“
4.6„Sehen wir, welche Art Ordnung dort draußen in der Leere wartet.“
4.7Der Henker war der einzige Mann im Raum, der weinte. Der Lehrer tröstete ihn.
4.8Er legte sich mit Anmut nieder. Sein Sinn war klar und rasch bis zum letzten Atemzug.
4.9Er sah Kriton an und sagte belustigt:
4.10„Wir schulden Asklepios einen Hahn, mein Freund.“
4.11„Lass ihn uns nicht für jene schlechten Gäste halten, die sich ohne ein Wort davonstehlen und dem Gastgeber nichts hinterlassen.“
4.12Dann glitt sein Bewusstsein mit einem sanften Lächeln ohne die geringste Hemmung aus der Schale des Leibes.
4.13Wie ein Taucher sich in ein warmes und grenzenloses Meer fallen lässt.
4.14Ich hatte gedacht, ein Mensch sage im Sterben etwas anderes.
4.15Er machte einen Scherz. Das ist die ganze Lehre dieses Buches.