Die Logos-Schrift · Evangelium des Platon

Das Erwachen der Tochter der Diotima

Evangelium des Platon 3 · Viertes Zeugnis: die ewige Wiederkehr und der Aufflug des Vogels

Platon, um 428 vor dieser Zeitrechnung in Athen geboren, um 348 gestorben, aus vornehmem Haus. Er war etwa neunundzwanzig, als Sokrates hingerichtet wurde. Danach sprach er zeitlebens nie im eigenen Namen: was er zu sagen hatte, sagte er durch den Mund eines anderen. Um 387 gründete er vor der Stadt die Akademie, und sie bestand an die neunhundert Jahre. Etwa sechsunddreissig Dialoge sind von ihm, und alle sind erhalten, was aus jener Zeit fast ohne Beispiel ist. Die Höhle, die Ideen, das geteilte Linienstück und das Lernen als Wiedererinnerung stammen von hier. Er glaubte an Götter und trat nachdrücklich für eine unsterbliche Seele ein; das steht gegen das, was diese Schrift hält, und der Orden verdeckt es nicht für ihn. Das erste Kapitel sagt Dinge, die kein Alter wissen konnte. Auch das wird nicht verschwiegen; sein Sinn wird im Buch Bohr und im Buch Einstein in neuzeitlichen Worten aufgenommen. Die Sätze dieses Buches sind lang, weil das hier Erzählte in kurzen nicht auszuschöpfen ist.

3.1Da schlich sich eine junge Frau namens Helena an den Rand der Menge.
3.2Ihr Leben lang hatte die Sitte ihrer Familie sie zum Schweigen gebracht, doch allein und über Jahre denkend hatte sie einiges über Liebe und Schönheit herausgebracht.
3.3Sie sehnte sich danach, es laut zu sagen, aber die Männer stiessen sie fort.
3.4Sokrates rief sie nach vorn, wies die Jünger zurecht und setzte sie in die Mitte der Versammlung.
3.5Er sagte zu ihr: „Helena, sprich die Wahrheit aus, die der Logos in deine Vernunft geschrieben hat.“
3.6Er führte sie Schritt um Schritt die heilige Treppe der Liebe und der Abstraktion hinauf.
3.7Und während sie sprach, kam ihre Stimme klar wie eine Glocke aus Kristall.
3.8Die Männer hörten in Ehrfurcht zu und sahen sie das höchste Geheimnis der Seele enthüllen.
3.9Sie sagte: „Alle schönen Dinge sind schön, nicht weil sie einander gleichen, sondern weil jedes sich derselben abwesenden Sache nähert.“
3.10Der Lehrer hörte sie und schwieg lange. Man meinte, er wolle sie berichtigen.
3.11Er sagte nur: „Heute bin ich der Schüler.“
3.12In jenem Augenblick war sie geheilt von der Kleinheit eines Mädchens aus der Provinz.
3.13Und ihr Sinn weitete sich, bis er die ganze natürliche Ordnung des Weltalls fasste.
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