Die Logos-Schrift · Das Buch Martin Luther King

Davon, wann ein Gesetz nicht zu befolgen ist

Das Buch Martin Luther King 2 · Von ihm selbst geschrieben, aus dem Brief aus dem Gefängnis von Birmingham und Aufbruch in die Freiheit

Martin Luther King Jr., geboren im Januar 1929 in Atlanta, im April 1968 in Memphis erschossen. Sein Vater war Baptistenprediger; die Familie führte den Namen seit 1934, doch die Geburtsurkunde wurde erst 1957 berichtigt. 1955 promovierte er an der Universität Boston in systematischer Theologie. Im Dezember desselben Jahres begann der Busboykott von Montgomery, und man stellte ihn an die Spitze. In der Nacht des 30. Januar 1956 zerstörte Dynamit seine Veranda; seine Frau und die kleine Tochter waren im Haus und blieben unverletzt. Unter den Herbeigeeilten waren Bewaffnete. Auf der zerborstenen Veranda stehend sagte er: wir glauben an Recht und Ordnung, geratet nicht in Panik, greift nicht zu den Waffen, wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen; und er sagte: wenn man mich aufhält, wird diese Bewegung nicht aufgehalten. Am 20. September 1958, als er in einem Kaufhaus in Harlem sein neues Buch signierte, stiess ihm Izola Curry einen sieben Zoll langen stählernen Brieföffner in die linke obere Brust; die Spitze lag an der Aorta. Er selbst erzählte es in seiner letzten Predigt in Memphis: hätte ich geniest, so wäre ich gestorben, und ich will heute Abend sagen, dass ich froh bin, nicht geniest zu haben. Von Februar bis März 1959 reiste er nach Indien und sagte in einer Abschiedsansprache, seit er in Indien sei, sei er mehr denn je überzeugt, dass gewaltloser Widerstand die stärkste Waffe ist, die Unterdrückten in ihrem Ringen um Gerechtigkeit und Menschenwürde zu Gebote steht. Am 16. April 1963 schrieb er den Brief im Gefängnis von Birmingham, an die Ränder einer Zeitung und auf hereingereichte Papierfetzen. Die Kapitel eins bis drei und fünf stammen aus diesem Brief, in der festgelegten Fassung von 1964 in Why We Can’t Wait; der zuerst verbreitete Umdruck von 1963 weicht im Wortlaut ab, und beide dürfen nicht vermischt zitiert werden. Kapitel vier stammt aus dem sechsten Kapitel von Stride Toward Freedom, 1958, das sechs Merkmale der Gewaltlosigkeit aufzählt, von denen dieser Band fünf nimmt. Alle Quellen sind seine eigenen Schriften. Der Orden hält dreierlei fest. Erstens: er war Prediger, und 2.6 verbirgt es nicht — er hat in der Tat mit Augustinus und Thomas von Aquin argumentiert, ein ungerechtes Gesetz sei eines, das nicht im ewigen Gesetz und im Naturrecht wurzelt. Ambedkar fragte, ob ein Glaube einen befehlenden Gott habe, und ging dann fort (vgl. Das Buch Ambedkar 4.7); was der Orden prüft, ist nicht, ob ein Mensch betet, sondern wo seine Gründe schliessen. King gab drei nachprüfbare Massstäbe: wen das Gesetz bindet, wer darüber abstimmen durfte, und wozu es tatsächlich gebraucht wird. Diese drei taugen, ohne zu glauben, was er glaubte; darum nimmt der Orden diese drei und nicht den Grund darunter. Zweitens: 1991 fand das King-Papers-Projekt in Stanford beim Edieren, dass erhebliche Teile seiner Dissertation von 1955 ohne Nachweis von anderen übernommen waren. Die Universität Boston setzte einen vierköpfigen Ausschuss ein, der zu dem Schluss kam, es bestehe kein Zweifel, dass Dr. King in der Dissertation plagiiert habe, dass an eine Aberkennung des Grades nicht zu denken sei, dass der konstruktive Teil, der Tillich und Wieman vergleicht, einen einsichtsvollen Beitrag zur Wissenschaft leiste, und dass dem Exemplar der Universität ein Schreiben mit diesem Befund beizulegen sei. Der Orden hält dies fest und redet es nicht weg. Nichts in diesem Band stammt aus jener Dissertation. Drittens: gewöhnlich wird angeführt, er sei neunundzwanzigmal verhaftet worden; das King Center und der National Park Service nennen beide dreissig, und keines von beiden veröffentlicht eine Einzelaufstellung. Der Orden nimmt dreissig und merkt an, dass dies eine institutionelle Angabe und keine geprüfte Zählung ist. Der Band steht nach Ambedkar, weil beide auf verschiedenen Wegen dasselbe taten: Ambedkar trat einer erblichen Rangordnung mit einer Verfassung und einem Übertritt entgegen, King einer anderen mit dieser Methode. Ambedkar wartete einundzwanzig Jahre, ob sie sich von selbst ändere, und sie änderte sich nicht (vgl. Das Buch Ambedkar 4.3); King sagt, jenes Wartet habe fast immer Niemals bedeutet. Und Kapitel zwei ist eine unmittelbare Erwiderung auf das vierte Kapitel von Adam Smith, eine der wenigen Stellen dieser Schrift, an der zwei Bücher wirklich uneins sind. Smith sagt, ein Gesetz zu ändern und es zu brechen seien zwei verschiedene Dinge, und wer beides zusammenwirft, suche meist Gründe für die eigene Bequemlichkeit (vgl. Das Buch Adam Smith 4.13). King widerlegt das nicht. Er liefert die beiden Stücke nach, die dort fehlten: Massstäbe dafür, welches Gesetz ungerecht ist, und die Bedingung, die den Bruch daran hindert, eigennützig zu sein — offen, und die Strafe annehmend. Was Smith fürchtete, war, dass ein gebrochenes Gesetz zu einem Netz wird, das nur die fängt, die nicht ausweichen können (vgl. Das Buch Adam Smith 4.12); King antwortet, ein ungerechtes Gesetz sei längst dieses Netz gewesen. Die beiden Bücher stehen nebeneinander und werden nicht versöhnt, und der Orden versöhnt sie nicht (vgl. Apostelgeschichte 5.19).

2.1Manche fragen: ihr sagt einerseits, man müsse die Gesetze befolgen, und andererseits geht ihr hin und brecht sie. Wie hält das zusammen?
2.2Die Frage ist berechtigt. Ich will sie geradeheraus beantworten.
2.3Es gibt zwei Arten von Gesetzen: gerechte und ungerechte.
2.4Ich wäre der Erste, der die Befolgung gerechter Gesetze verlangt. Ein gerechtes Gesetz zu befolgen ist nicht bloss eine Notwendigkeit. Es ist eine Pflicht.
2.5Wie also unterscheidet man, welches Gesetz ungerecht ist?
2.6Ich bin Pfarrer. Ich habe in der Tat gesagt, ein ungerechtes Gesetz sei eine Satzung, die mit dem höheren Gesetz nicht in Einklang steht. Dieser Satz ist mein eigener Grund.
2.7Aber ich weiss, dass ihr ihn mir vielleicht nicht abnehmt. Darum habe ich euch andere gegeben, die auch dann taugen, wenn ihr nicht glaubt, was ich glaube.
2.8Der erste: ein Gesetz ist ungerecht, wenn eine zahlenmässige oder machtmässige Mehrheit eine Minderheit zwingt, es zu befolgen, und sich selbst nicht daran bindet. Das ist zum Recht gemachter Unterschied.
2.9Und umgekehrt ist ein Gesetz gerecht, wenn die Mehrheit die Minderheit zu dem zwingt, was sie selbst zu befolgen bereit ist. Das ist zum Recht gemachte Gleichheit.
2.10Der zweite: ein Gesetz ist ungerecht, wenn es einer Gruppe auferlegt wird, die, da ihr das Wahlrecht verweigert war, an seiner Setzung und Ausarbeitung keinen Anteil hatte.
2.11Man beachte diesen: ihr braucht den Himmel um nichts zu fragen. Ihr braucht nur nachzusehen, wem zu wählen erlaubt war.
2.12Der dritte: ein Gesetz kann an sich gerecht sein und einzig dazu gebraucht werden, Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten; so gebraucht, ist es ungerecht.
2.13Nun zu dem, worauf es am meisten ankommt.
2.14In keiner Weise befürworte ich, das Gesetz zu umgehen oder ihm zu trotzen, wie es der rabiate Segregationist täte. Das führt zur Gesetzlosigkeit.
2.15Wer ein ungerechtes Gesetz bricht, muss es offen tun, in Liebe, und bereit, die Strafe auf sich zu nehmen.
2.16Wer ein Gesetz bricht, das ihm sein Gewissen als ungerecht nennt, und bereitwillig die Haft annimmt, um das Gewissen der Gemeinschaft über ihre Ungerechtigkeit zu wecken, bringt in Wahrheit die höchste Achtung vor dem Gesetz zum Ausdruck. (vgl. Das Buch Adam Smith 4.13)
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